Pharma-Talk mit André Vennemann, Direktor Industrie bei Grundfos, über Prozesssicherheit und Digitalisierung

Vom Reagenzglas zum Patienten

André Vennemann, Vertriebsdirektor Industrie Grundfos

Pumpen spielen in der Arzneimittelherstellung eine wichtige Rolle. Nach dem Verkauf von Hilge sah es so aus, als ob Grundfos der Pharmabranche vermeidlich den Rücken kehrt. In einem Interview mit pharmaindustrie-online.de verdeutlicht André Vennemann, dass der Pumpenbauer nach wie vor gute Lösungen für die Pharmaproduktion bietet. Der neue Vertriebsdirektor für den Industriebereich erklärt zudem, wie Digitalisierung für Prozesssicherheit beim Kunden sorgt und welche Industrie 4.0-Ansätze das Unternehmen mit seinen Pumpen verfolgt.

1) pharmaindustrie-online.de: Herr Vennemann, Sie zeichnen seit Oktober 2016 als Direktor Industrie für den Vertrieb bei Grundfos in Deutschland und Österreich verantwortlich. Wie gefällt Ihnen Ihre neue Funktion?
Dies kann ich mit zwei Worten beantworten: sehr gut. Das hat viel mit Grundfos als Unternehmen zu tun, das sich über kurze Zeit zum Weltmarktführer entwickelt hat. Viele Jahre habe ich Grundfos als Wettbewerber betrachtet und als Unternehmen wahrgenommen, das innovativ ist, Dinge vorantreibt, die Nase immer ein Stück vorne hat. Auch ist meine Aufgabe in der Industrie eine spannende, da wir neben dem D-A-CH Markt durch unser OEM-Geschäft auch exportorientiert sind.

Ich habe ein Team aus Mitarbeitern, die zum Teil seit Jahrzehnten bei Grundfos tätig sind. Obwohl ich im Vergleich zu ihnen jünger bin und von extern komme, wurde ich positiv aufgenommen. Das ist sicherlich keine Selbstverständlichkeit. Der Bereich Industrie in Deutschland hat Gewicht bei Grundfos. Wir sind eine der größten und umsatzstärksten Organisationen in der Gruppe. Das Team hat meine Art sehr positiv aufgenommen, schon in dieser kurzen Zeit arbeiten wir effizient zusammen, und das alles macht viel Spaß.

Auch die Zusammenarbeit mit unserem Führungskreis für die DACH-Region läuft durchweg positiv und konstruktiv, so dass ich für mich feststelle: Es war definitiv die richtige Entscheidung, zu Grundfos zu wechseln.

2) pharmaindustrie-online.de: Mit großem Interesse hat die Branche den Verkauf von Hilge an Gea verfolgt. Mit den Hygienepumpen wurden vor allem die Pharmaindustrie und die Nahrungsmittelversteller beliefert. Wie sieht es für Ihr Unternehmen mit der neuen strategischen Ausrichtung aus, gibt es hier immer noch eine Verbindung in die Pharmabranche?
Da ich erst nach dem Verkauf ins Unternehmen gekommen bin, habe ich Grundfos nur ohne Hilge kennengelernt. Seinerzeit versprach man sich einen direkten Zugang in die Pharmaindustrie zu den Primärprozessen, den Grundfos bis dato nicht hatte. Wir waren vorher ganz klar auf die Sekundärprozesse ausgerichtet, auch für die beiden genannten Industrien. Durch den Verkauf von Hilge ist der Zugang zu den Primärprozessen natürlich wieder weg. Es hat uns aber trotzdem geholfen, in den Industrien bekannter zu werden. So haben wir auch heute noch viele Berührungspunkte in unseren Kernkompetenzen für Sekundärprozesse. Da fühlen wir uns wohl, da sind unsere Leute unterwegs und können dem Kunden kompetent weiterhelfen. Hilge hat uns Türen geöffnet, und nach dem Verkauf sind wir nun noch erfolgreicher als vorher. Besonders in der Prozesswasserver- und -entsorgung und im Kühlwasserbereich liegt unsere Stärke.

Wir haben ein sehr starkes Portfolio an Dosierpumpen, das sicherlich auch über die Hilge-Schiene mitgewachsen ist. Jetzt sind wir vermehrt im Bereich Dosiertechnik unterwegs, gerade für Pharmaindustrie mit unseren digitalen Dosierpumpen.

3) pharmaindustrie-online.de: Wenn Sie auf Ihre Agenda blicken: Sehen Sie hier besondere Themen, die Ihre Kunden bewegen und mit welchen Produkten und Lösungen antwortet Grundfos auf diese Fragen?
Prozesssicherheit ist ein Hauptthema, das unsere Kunden bewegt, über den gesamten Prozess hinweg, in dem die Pumpe nur ein Teilaspekt ist. Hier ist entscheidend, ob es Kommunikationsmöglichkeiten vom Gesamtsystem mit der Pumpe gibt. Der Kunde möchte möglichst wenig mit den Einzelkomponenten in seinem Produktionsprozess zu tun haben, auch nicht mit der Pumpe. Wir müssen als OEM-Lieferant weltweit sicherstellen, dass Prozesse laufen, auch bei Service- oder Gewährleistungsfällen im Ausland. Das ist gerade im exportstarken Deutschland von großer Bedeutung, ebenso wie die Sicherstellung des Kundennutzens in allen Bereichen. Da spielt Digitalisierung eine wichtige Rolle.

Hier bieten wir „iSolutions“ an, das ist unser intelligenter Systemansatz, mit denen wir Prozesssicherheit darstellen können. Über eine selbstentwickelte Sensorik können Pumpen die Umgebung überwachen, sei es die Temperatur des Medium, der Förderstrom oder ein konstanter Füllstand. Das alles realisieren wir über Sensoren in Verbindung mit intelligenten Motoren. Da wird derzeit viel entwickelt, jüngst haben wir bei den hocheffizienten MGE-Motoren, die mit IE4 bis 22 kW verfügbar sind, im Bereich bis 11kW eine Variante mit IE5 gelauncht. Der Kundennutzen steht hierbei immer im Vordergrund.

4) pharmaindustrie-online.de: Gerade haben sich die Aussteller auf der Hannover Messe wieder in Hinblick auf Industrie 4.0 und Digitalisierung überboten. Was bedeutet Industrie 4.0 konkret für Ihr Unternehmen? Verfolgt auch Grundfos diesen Trend und wenn ja, mit welchem Ansatz ebnen Sie als Pumpenhersteller Ihren Kunden den digitalen Weg?
Grundfos ist sehr stark im Bereich Digitalisierung unterwegs. Für mich ist Digitalisierung ein Bestandteil des Internet of Things, wo es um Kommunikation geht. Die Zurverfügungstellung und Nutzung digitaler Daten ist eine der Herausforderungen, die wir heute haben und konsequent in allen Bereichen vorantreiben. Beispielsweise bekam ich heute Morgen eine Nachricht, dass eine Druckerhöhungsanlage, die in Wahlstedt hergestellt, dann über Dänemark verkauft, jetzt auf Sri Lanka installiert wurde. Es ist eigentlich alles Mögliche umsetzbar, beispielsweise unseren Kunden die digitalen Betriebsdaten zur Verfügung zu stellen. Über diverse Schnittstellen können wir Daten aus der Pumpe exportieren und im Kundensystem verfügbar machen. Sensorik-Daten stellen wir auf gleichem Wege bereit, egal ob sie in einem unserer Systeme, einer Cloud-Lösung oder auf dem Kundenserver weiterverarbeitet werden sollen. Wichtig ist: Dies ist keine Einbahnstraße, sondern wird auch zur Steuerung des Gesamtsystems genutzt: sei es, um über eine PC-Cloud auf die Pumpe zuzugreifen, über Leitsysteme oder eine App die Pumpe direkt zu bedienen. So kann der Betriebszustand von Pumpe und Gesamtsystem überwacht werden, um frühzeitig und vorausschauend in den Prozess eingreifen zu können, wenn es Abweichungen vom Normalzustand gibt. So lassen sich ungeplante Stillstände verhindern.

Des Weiteren verfolgen wie digitale Geschäftsmodelle und machen uns Gedanken, wie diese konkret aussehen könnten. Kunden möchten Medien in einer bestimmten Temperatur und einem bestimmten Volumen transportieren. Zwar verkaufen wir faktisch Pumpen, aber eigentlich die Bewegung des Medium. Und darüber Geschäftsmodelle zu entwickeln ist sicherlich ein spannender Ansatz. Es gibt einige innovative Ideen und wir können gespannt sein, was in Zukunft noch alles kommt. Ganz wichtig ist, die Kunden dabei einzubinden. Wenn wir über digitale Dinge wie Datenübertragung, Datennutzung oder Self-Service sprechen, ist das Kundenbedürfnis unser Motor für die Weiterentwicklung in eine digitale Zukunft.

So haben wir z.B. auf der ISH 2017 eine digitale Führung mit einer Datenbrille durch eine Pumpen-Wartung vorgestellt, um einen Störungsfall zu beheben. Für den Schulungsbereich ist dies eine hervorragende Einsatzmöglichkeit.

5) pharmaindustrie-online.de: Gibt es etwas, das Sie gerne erfinden möchten oder von dem Sie sagen, dass Sie gerne der Erfinder gewesen wären?
Wer möchte nicht gerne rückblickend der Erfinder von Facebook oder Google sein, vor allem mit der Macht, die hinter diesen Unternehmen steckt? Aber auch kleine Dinge wie das Sicherheitsstreichholz, das in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg bis sage und schreibe 1983 von einem Monopol vertrieben wurde, wäre seinerzeit sicherlich eine lukrative Idee mit großer Wirkung gewesen.

Was unbedingt „erfunden“ werden sollte, sind Heilmethoden gegen die so genannten Seltenen Krankheiten. Natürlich sind auch die großen Volkskrankheiten wie Krebs oder Demenz sehr wichtig, aber hier arbeiten viele Pharmaunternehmen an neuen Therapien. Wäre ich Forscher mit großen finanziellen Möglichkeiten – ich würde mich den Seltenen Krankheiten widmen.

Herr Vennemann, wir danken Ihnen für das spannende und informative Gespräch!

Über André Vennemann
Geboren 1968 in Hamburg und dort aufgewachsen, ist diese Stadt ist noch immer irgendwie die Heimat. Für sein Studium wechselte André Vennemann 1988 nach Stuttgart, um dann nach dem Abschluss sein Berufsleben in der Pumpenbranche bei Xylem zu beginnen. Nach zehn Jahren erfolgte der erste Wechsel hin zu mehr Internationalität bei einem weltweit führenden Schleifmittelhersteller mit Verantwortung für den Vertrieb zunächst in Westeuropa und Lateinamerika, später für Asien Pazifik, in Summe für sieben Jahre. Der nächste Schritt war ein internationales Engagement bei Pentair Jung Pumpen. In den letzten Jahren erfolgte der Schritt zurück in die DACH-Region, zuletzt mit der vertrieblichen Verantwortung in einem Unternehmen, dass sich mit dem Thema Smart Home in Privathaushalten und der Digitalisierung intensiv beschäftigt. Der Wahl-Dortmunder verbringt seine Freizeit gerne mit kulturellen Veranstaltungen wie Theater oder Oper und tauscht auch gerne mal den Anzug gegen die Lederjacke, wenn er sich auf sein Motorrad schwingt.

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