
Die pharmazeutische Industrie steht unter hohem Innovations- und Effizienzdruck. Gleichzeitig sind Investitionen in neue Produktionsanlagen extrem kostenintensiv, nicht nur wegen der Technik, sondern auch aufgrund umfangreicher regulatorischer Validierung. Daher bleiben viele Anlagen mehr als 20 Jahre oder sogar deutlich länger im Einsatz. Doch veränderte Marktanforderungen, steigende Regulierungsdichte und technologische Fortschritte machen ein einfaches „Weiter so“ unmöglich. Die Lösung: Retrofit als gezielte Modernisierung bestehender Anlagen.
Mit durchdachten Retrofit-Strategien lassen sich GMP-konforme Bestandsanlagen an aktuelle technologische und regulatorische Anforderungen anpassen, ohne Komplettaustausch. Dabei geht es nicht nur um die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben, sondern auch um die Erhöhung von Effizienz, Produktionssicherheit und Nachhaltigkeit. Wer auch in Zukunft wettbewerbsfähig bleiben will, braucht eine smarte Retrofit-Strategie, die auf vier Säulen basiert:
1) Retrofit: Mehr Wertschöpfung durch Vernetzung und digitale Funktionalitäten
In der Pharmaindustrie ist die Fähigkeit, Daten in Echtzeit zu erfassen, zu analysieren und regulatorisch korrekt zu dokumentieren, ein entscheidender Erfolgsfaktor. Doch viele Brownfield-Anlagen sind nicht oder nur unzureichend digital vernetzt und automatisiert. Retrofit ermöglicht es, bestehende Systeme mit moderner Automatisierungstechnik, Software-Lösungen und digitalen Schnittstellen auszurüsten. Zwei Faktoren sind dabei besonders entscheidend: Vernetzung und interdisziplinäre Zusammenarbeit. Wertschöpfung entsteht im Zuge der Digitalisierung nicht nur durch zusätzliche Produkte oder Dienste, sondern auch ganz wesentlich durch deren Vernetzung und Modularisierung. Um die ökonomische Effektivität und Effizienz zu steigern, gilt es, sämtliche Potenziale der nachträglichen Digitalisierung konsequent zu nutzen, auch in bestehenden Anlagen. Es geht also bei der Brownfield-Digitalisierung nicht unbedingt nur darum, alte durch neue Maschinen zu ersetzen, sondern vielmehr, die vorhandenen Anlagen durch Vernetzung und digitale Funktionen zukunftsfähig zu machen und damit bislang ungenutzte Wertschöpfungspotenziale zu erschließen.
2) Produktionssicherheit und Anlagenverfügbarkeit durch vorausschauende Wartung
In der Pharmaindustrie ist ungeplante Downtime nicht nur ein wirtschaftliches Risiko, sondern auch ein regulatorisches. Anlagenstillstände können den Chargenfluss unterbrechen, Validierungen gefährden oder Hygienerisiken erhöhen. Hinzu kommt, dass die Wartung in GMP-regulierten Bereichen aufwendig und kostenintensiv ist und darüber hinaus präzise dokumentiert werden muss.
Predictive Maintenance, auf Basis historischer Daten, maschinellem Lernen und Prozessanalytik, bietet hier einen wichtigen Vorsprung. Durch zustandsabhängige Instandhaltung lassen sich Wartungsmaßnahmen gezielt planen, ungeplante Ausfälle vermeiden und Validierungsprozesse absichern. Für Unternehmen bedeutet das: mehr Prozesssicherheit, höhere Anlagenverfügbarkeit, bessere Auslastung und nicht zuletzt eine deutliche Reduktion von Compliance-Risiken.
3) Sicherheit der Bestandsanlagen mit modernen Technologien erhöhen
Lange Zeit blieben industrielle Systeme aufgrund ihrer Isolation vor Cyber-Angriffen weitgehend verschont. Die zunehmende Vernetzung zwischen Industriesystemen und Internet geht mit zunehmenden Sicherheitsbedrohungen einher. Besonders alte Systeme bieten Schwachstellen für Cyber-Bedrohungen, da sie den Software-Update-Zeitraum häufig lange überdauern. Die EU hat auf diese Bedrohung reagiert und die Anforderungen an die Cybersecurity mit neuen Richtlinien verschärft. Dennoch zögern viele Unternehmen, bestehende Systeme auf den neuesten Stand zu bringen, meist aus Sorge vor Aufwand und Komplexität. Doch diese Zurückhaltung kann teuer werden: Wer seine Anlagen nicht zeitgemäß absichert, riskiert Produktionsausfälle, Datenverluste und Reputationsschäden durch gezielte Cyber-Angriffe. Moderne Automatisierungssoftware wie Zenon von Copa-Data lässt sich einfach in bestehende IT/OT-Sicherheitsarchitekturen integrieren und ermöglicht eine schnelle Anpassung an aktuelle Schutzanforderungen, ohne großen Aufwand.
4) Nachhaltigkeit und Energieeffizienz durch Retrofit
Auch im Pharmabereich gewinnen Energieeffizienz und Emissionsreduzierung an Bedeutung, nicht nur aus Imagegründen, sondern zunehmend auch aufgrund regulatorischer Auflagen und ESG-Kriterien. Gleichzeitig verursachen viele Altanlagen hohe Energieverbräuche, etwa in der Klima- und Reinraumtechnik, bei autoklavierenden Systemen oder bei kontinuierlichen Prozessen.
Retrofit ermöglicht die Integration energieeffizienter Antriebe, intelligenter Sensorik und datengetriebener Steuerungen in bestehende Produktionsanlagen. Energieverbrauch und Emissionen können so validierungskonform und in Echtzeit lückenlos erfasst und optimiert werden. Neben ökologischen Vorteilen senkt das auch die Betriebskosten und kann als positiver Faktor in Nachhaltigkeitsaudits, CSR-Berichten oder Investorenkommunikation gewertet werden.
Fazit zu Retrofit in der Pharmaproduktion
Retrofit ist im Pharmabereich nicht nur eine Frage der Technik, sondern auch der Compliance und Zukunftsfähigkeit. Wer frühzeitig in digitale, sichere und energieeffiziente Lösungen investiert, kann seine Bestandsanlagen weiter nutzen und gleichzeitig für neue regulatorische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Anforderungen rüsten.
Autor
Frank Hägele
Sales Director und Prokurist bei Copa-Data Deutschland