Der Forschungsstandort Deutschland verliert nach Einschätzung des VCI bei den Investitionsplänen der chemisch-pharmazeutischen Industrie an Bedeutung. Zwar lagen die Forschung und Entwicklungsbudgets der Branche 2025 bei knapp 16 Milliarden Euro, für das laufende Jahr rechnen jedoch 29 Prozent der befragten Unternehmen mit sinkenden Forschungsausgaben in Deutschland. Nur knapp jedes fünfte Unternehmen plant hierzulande steigende Budgets. Im Ausland wollen dagegen 41 Prozent ihre Etats erhöhen. Insgesamt bleibt die Forschungsorientierung der Branche hoch. Drei Viertel der Unternehmen entwickeln nach Angaben des Verbandes neue Produkte und Verfahren. Rund sieben Prozent ihres Umsatzes investieren sie in Forschung und Entwicklung.
Forschungsstandort Deutschland verliert globalen F&E-Anteil
Im internationalen Vergleich hat die deutsche chemisch-pharmazeutische Industrie bei den Forschungsausgaben an Gewicht verloren. Ihr Anteil an den weltweiten F&E-Ausgaben sank laut VCI von 6,5 Prozent im Jahr 2010 auf 4,2 Prozent im Jahr 2025. Gleichzeitig bauen andere Länder ihre Forschungsaktivitäten aus und verknüpfen Forschung, Entwicklung und Produktion stärker miteinander. Thomas Wessel, Vorsitzender des VCI-Ausschusses Forschung, Wissenschaft und Bildung, fasst die Situation so zusammen: „Die chemisch-pharmazeutische Industrie will sich aus der Krise herausinnovieren. Das Problem ist nicht der Wille, sondern der Standort Deutschland.“
China baut Position bei Chemie- und Pharmapatenten aus
Besonders deutlich zeigt sich der internationale Wettbewerb nach Angaben des Verbandes in China. Der Anteil des Landes an den weltweiten Patentanmeldungen in Chemie und Pharma hat sich zwischen 2010 und 2024 nahezu vervierfacht. China liegt damit hinter den USA auf Rang zwei und vor Japan, Südkorea und Deutschland. „Der Transfer aus der Forschung bis zur Marktreife wird über mehrere Wege sichergestellt. Flankiert wird der ganze Prozess von einer offensiven Agenda zum Schutz geistigen Eigentums“, erläutert Wessel. Neben den Forschungsbudgets rückt damit die Überführung von Forschungsergebnissen in marktfähige Produkte und industrielle Produktion in den Mittelpunkt des Standortwettbewerbs.
VCI fordert Strategie für den Forschungsstandort Deutschland
Der Verband fordert von der Bundesregierung eine stärker abgestimmte Innovationspolitik. Chemie- und Hightech-Agenda, die nationale Plattform Biotechnologie sowie die geplante Pharma- und Medizintechnikstrategie sollen nach Vorstellung des VCI miteinander verzahnt werden. Die Chemieagenda 2045 soll dabei industriepolitische Rahmenbedingungen für Chemie, Pharma und Biotechnologie setzen. Wessel fordert grundlegende Veränderungen: „Wettbewerb kennt keine Schonzeit“, und weiter: „Alle Anstrengungen der Unternehmen müssen auf politisch zukunftsfähige Rahmenbedingungen treffen. Es geht nicht um Korrekturen im Klein-Klein, sondern um eine Richtungsentscheidung für den Innovationsstandort Deutschland und den Willen zu grundlegenden Reformen. Es geht um den großen Wurf. Deutschland muss den Mut und den Willen haben, ein Land zu sein, das Innovationen ermöglicht, beschleunigt und willkommen heißt.“
Forschungsstandort Deutschland braucht bessere Rahmenbedingungen
Aus Sicht des VCI sind dafür eine ressortübergreifende Steuerung, verlässliche Finanzierung und berechenbare politische Rahmenbedingungen erforderlich. Für die Chemieindustrie entscheidet sich damit zunehmend, ob Forschungsprojekte am Forschungsstandort Deutschland bleiben und anschließend auch in heimische Wertschöpfung und Produktion überführt werden.