„Vom Reagenzglas zum Patienten“
Pharma-Talk mit Katja Schnitzler von Gerresheimer über Nachhaltigkeit
Montag, 02. Mai 2022
| Redaktion
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Katja Schnitzler, Gerresheimer
Katja Schnitzler, Group Senior Director EHS CSR OPEX, Bild: Gerresheimer

Gerresheimer ist im Mai 2021 dem Global Compact der Vereinten Nationen beigetreten. Im Interview mit pharmaindustrie-online.de beschreibt Katja Schnitzler, Group Senior Director EHS CSR OPEX bei Gerresheimer, welche Anstrengungen das Unternehmen unternimmt, um seine Produkte und Lösungen für die Aufbewahrung, Verabreichung und Anwendung von Medikamenten und Kosmetika nachhaltiger zu gestalten. Es geht darum, den Energieverbrauch und damit CO2-Emissionen zu reduzieren, aktiv Kreislaufwirtschaft in Prozesse zu integrieren und auch die Menschen in den Fokus der Gerresheimer-Unternehmensstrategie zu rücken. Die Nachhaltigkeitsexpertin beleuchtet zudem, wie sich das als Wettbewerbsvorteil für den Konzern niederschlägt.

Frau Schnitzler, seit Ende 2019 sind Sie bei Gerresheimer für den Bereich Nachhaltigkeit verantwortlich - in Zeiten des Klimawandels ein vieldiskutiertes Thema. Welchen Stellenwert nimmt Nachhaltigkeit in Ihrem Unternehmen tatsächlich ein?

Nachhaltigkeit nimmt schon seit vielen Jahren einen sehr hohen Stellenwert bei Gerresheimer ein. Mit unserer neuen strategischen Ausrichtung bildet die Nachhaltigkeit einen der fünf Grundpfeiler der Unternehmensstrategie. Wir betrachten unsere unternehmerische Tätigkeit ganzheitlich und langfristig. Alle Auswirkungen, die diese mit sich bringt, sei es aus sozialer oder umweltverträglicher Sicht, kommen auf den Prüfstand. Deshalb ist es uns wichtig, das Thema in unserem Geschäftsmodell zu verankern.

Die Anforderungen an Nachhaltigkeit steigen von gesetzlicher Seite, aber auch von unseren Kunden und Investoren. All diesen Stakeholdern gegenüber müssen wir uns verantworten. Wir haben Nachhaltigkeit darum in sämtliche Entscheidungsprozesse integriert, auch in die Entwicklung neuer Produkte. Darin sehen wir eine große Chance, dieser Verantwortung gerecht zu werden. Indem wir aus Nachhaltigkeitssicht Dinge in Frage stellen, rücken wir automatisch enger mit unseren Kunden zusammen und bieten gleichzeitig als Lösungsanbieter einen Treiber für nachhaltige Innovationen und Wachstum.

Können Sie unseren Lesern bitte kurz die Ziele der Nachhaltigkeitsstrategie von Gerresheimer skizzieren?

Wir haben im Jahr 2020 unsere Nachhaltigkeitsstrategie grundlegend überarbeitet. Man spricht bei Nachhaltigkeit schnell über das Thema Umwelt, aber uns war es wichtig, eine ganzheitliche Nachhaltigkeitsstrategie zu verfolgen.
Wir haben drei Säulen, auf denen die Strategie steht: Zum einen „GxPure“, das ist der Bereich für Klima und Umwelt mit den Themen CO2-Emissionen, erneuerbare Energien und Wasser. Als zweites haben wir „GxCircular“. Dieser Komplex dreht sich um Elemente der Kreislaufwirtschaft, auch Recycling und Abfallvermeidung, die Nutzung von Ressourcen und Materialien. Zum Schluss rückt die dritte Säule „GxCare“ den Menschen in den Vordergrund. Es geht also um unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ihre Arbeitssicherheit und Gesundheit; um die Zufriedenheit der Belegschaft im Unternehmen. Und um Engagement in den Gemeinden, in denen wir Standorte haben. Für jeden dieser drei Fokusbereiche haben wir konkrete Ziele, definierte KPIs und Zeitpunkte, bis zu denen wir sie erreichen wollen.

Gerne möchte ich ein prominentes Beispiel aus dem Umweltbereich vorstellen: Wir sind ein energieintensives Unternehmen, deshalb müssen wir den Ausstoß von CO2 weitestgehend reduzieren und den Energieverbrauch senken. Die Glasschmelze, also das Schmelzen der Rohstoffe ist der energieintensivste Bereich in einer Glashütte, in der bei 1400 - 1500 Grad Celsius produziert wird. Am Standort Lohr, wo wir mehr als eine Milliarde Glasbehälter produzieren, haben wir bereits in eine moderne Schmelzwannen investiert, eine zweite folgt 2023. Durch die neue Technologie für die Glasschmelze ist die Produktion nun deutlich energieeffizienter. Bei CO2 haben wir uns zum Ziel gesetzt, bis 2030 unsere Emissionen in Scope 1* und Scope 2* um 50 Prozent absolut zu senken. Das ist für sich schon ambitioniert, zusätzlich wachsen wir als Unternehmen. Das zweite Ziel, was mit dem CO2-Thema sehr eng zusammenhängt, bezieht sich auf erneuerbare Energien. Hier haben wir uns vorgenommen, den Stromanteil aus erneuerbaren Quellen auf 100 Prozent zu erhöhen, auch bis 2030. Hinsichtlich Kreislaufwirtschaft wollen wir bis 2023 Ökodesign-Prinzipien festlegen, die dann systematisch in die Produktentwicklung integriert werden. Und in Bezug auf unsere Mitarbeiter stellen wir als produzierendes Unternehmen die Arbeitssicherheit in den Fokus. Wir haben die höchste Verantwortung für die Gesundheit unserer Belegschaft am Arbeitsplatz. Deshalb lautet unser ehrgeiziges Ziel, bis 2028 die Unfallrate, also die Anzahl der Ereignisse auf eine Million Arbeitsstunden, um 80 Prozent zu reduzieren.

Und wie ist der aktuelle Stand?

Nach einem Jahr aktiver Arbeit an unseren Nachhaltigkeitszielen können wir festhalten, dass wir unseren CO2-Ausstoß um 13,3 Prozent gesenkt haben, indem wir schrittweise auf Strom aus erneuerbaren Quellen umstellen. Auch bei der Arbeitssicherheit sind wir besser geworden und haben die Unfallrate zum Ausgangswert um 36 Prozent reduziert. Das zeigt uns, dass große Verbesserungen möglich sind, wenn man diese systematisch vorantreibt.

Welchen Einfluss hat die Nachhaltigkeitsstrategie auf jeden einzelnen Mitarbeiter von der Produktion bis zum Vorstand?

Wenn man die Bandbreite der Ziele betrachtet, gibt es kaum einen Bereich, der nicht von unser nachhaltigen Zielstellung berührt wird. Jeder Einzelne muss hier seinen Beitrag leisten. Wir haben einen Nachhaltigkeits-Council gegründet, um einen gesamtheitlichen Blick auf Prioritäten und Umsetzungspläne zu haben. Es sollen alle Perspektiven wie Kunden, Technologie, Human Resources berücksichtigt werden. Mit einer starken internen Kommunikation wollen wir alle Mitarbeiter unabhängig von Geschäftsbereich, Standort und Funktion mitnehmen und zeigen, was es für jeden Einzelnen bedeutet. Innovationsideen stecken in den Köpfen der Menschen und so haben wir kürzlich eine Innovation-Challenge initiiert, um Prozesse, Produkte und Services zu verbessern. Das hat uns gezeigt, über wie viel Ideenreichtum unsere Mitarbeiter auch für das nachhaltigere Gestalten von Technologien, Produkten und Abläufen verfügen. Es ist also nicht nur die große CO2-Vermeidungssstrategie, sondern es sind auch die kleinen Leistungen auf Abteilungsebene, die auf das Nachhaltigkeitsziel einzahlen.

Gerresheimer bietet Verpackungen für Arzneimittel wie Vials, Spritzen aber auch Devices für Selbstanwendung von Patienten an. Werden all Ihre Produkte in der Entwicklung dem Aspekt der Kreislaufwirtschaft unterzogen? In welcher Form spielt Recycling eine Rolle?

Durch die Ökodesign-Prinzipien rücken wir sehr dicht an unsere Kunden heran und unterstützen sie systematisch ab dem ersten Schritt der Produktentwicklung. Alle Komponenten kommen einzeln auf den Prüfstand. Wir versuchen proaktiv, die Unternehmen von nachhaltigeren Lösungen zu überzeugen. Im Grunde zwingen wir sie, sich zumindest über Alternativen Gedanken zu machen. Die Aspekte Recycling, Wiederverwendung, aber auch Reduzierung spielen dabei eine große Rolle. Im Pharmabereich ist die Möglichkeit von Recycling noch sehr beschränkt. Regulatorische Beschränkungen verbieten hinsichtlich der Spezifikationen, recyceltes Material einzusetzen. Im Kosmetikbereich haben wir bei Glas einen sehr hohen Anteil an so genanntem Post-Consumer-Recycling, das aus den Wertstoffsystemen zurückkommt. In den anderen Bereichen ist es auch technisch möglich und wir stehen in den Startlöchern, um unseren Kunden diese Alternativen anzubieten. So können wir beispielsweise Kunststoffe aus Biopolymeren oder recyceltes Ocean Plastic einsetzen. Wir haben es verprobt, wir erfüllen alle Voraussetzungen und letztendlich kommt es jetzt darauf an, dass sich Regulatorien ändern und wir die Kunden überzeugen können.

Inwieweit sehen Sie konkrete Wettbewerbsvorteile im Rahmen Ihrer intensiven Nachhaltigkeitsbestrebungen?

Mit allen großen Kunden führen wir dezidierte Gespräche zum Thema Nachhaltigkeit. Hier sehen wir eine sehr hohe Wertschätzung und Anerkennung für unser Handeln, denn andere Zulieferer sind nicht so breit aufgestellt wie unser Unternehmen. Wir bieten als Lieferant Transparenz und können unsere Kunden mit Echtzeitdaten versorgen. Denn auch Pharmaunternehmen streben danach, CO2 -Emissionen zu reduzieren, auch in ihrer Lieferkette. Für uns ist das die Chance, uns als integrierter Partner und Lösungsanbieter zu positionieren, um Innovationstreiber für die Branche zu werden. Kunden wie Astra Zeneca haben uns für unser Engagement sogar ausgezeichnet. Viele Pharmaproduzenten legen bei der Entscheidung für ihre präferierten Lieferanten großen Wert auf Nachhaltigkeit. Deshalb sehen wir uns in unserem Bestreben bestätigt und verstehen das als klaren Wettbewerbsvorteil.

Eine persönliche Frage zum Abschluss: Wenn Nachhaltigkeit Ihren beruflichen Alltag durch und durch bestimmt - welchen Stellenwert nimmt das Thema in Ihrem privaten Umfeld ein?

Für mich spielt Nachhaltigkeit auch im Privaten eine große Rolle. Job und privates Interesse passen hier hervorragend zusammen. So versuche ich sehr bewusst, Nachhaltigkeit in meine privaten Entscheidungen einfließen zu lassen, sei es bei reduziertem Fleischkonsum, Umstieg auf Elektromobilität oder bei Produkten, die ich beispielsweise für Kosmetik oder als Putzmittel verwende. Manchmal ist es auch der Verzicht auf bestimmte Dinge. Jeder kann im Kleinen für mehr Nachhaltigkeit sorgen. Dafür lohnt es sich, Gewohnheiten zu hinterfragen, ohne dass man dafür perfekt sein muss. Das Schönste ist für mich, dass ich das Thema in beiden Bereichen leben darf. Ich kann mich zuhause bewusst damit auseinandersetzen und habe im Job in großen Dimensionen die Möglichkeit, etwas zu bewirken und das Thema zu gestalten. Das macht mir unglaublich viel Spaß.

Frau Schnitzler, wir danken Ihnen für das spannende Gespräch!

*Hinweis der Redaktion:
Das Greenhouse Gas Protocol unterteilt Emissionen von Unternehmen in drei Bereiche: Scope 1, 2 und 3. Scope 1 deckt alle direkten Emissionen ab, die aus den Aktivitäten eines Unternehmens oder ihrer Tochterfirmen stammen. Zu den Emissionsquellen gehören Wärme-, Kälte- und Dampferzeugung, auch die unternehmenseigenen Fahrzeuge. Scope 2 umfasst die indirekten Emissionen aus der Energie (Strom, Wärme und Dampf), die Unternehmen bei externen Versorgern einkaufen. Scope 3 bildet alle anderen indirekten Emissionen ab, die in der Wertschöpfungskette eines Unternehmens (z.B. über Zulieferer) entstehen.
 

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